Der erste Kälteeinbruch kommt immer gleich: Der Himmel wird grau, um 16 Uhr wird’s finster, und auf einmal merkst du, dass sich dein Wohnzimmer wie ein Kühlschrank anfühlt. Du schaust aufs Thermostat. 18,7 °C. Rein technisch bist du „richtig“. Jahrelang ist die berühmte 19-Grad-Regel wie ein Mantra wiederholt worden. Umweltfreundlich, „verantwortungsvoll“, fast schon eine moralische Pflicht.
Und trotzdem sitzt du da mit zwei Pullovern, tauben Fingern auf der Tastatur, und fragst dich, wer entschieden hat, dass das ein angenehmes Leben sein soll.
In den sozialen Medien gestehen Leute, dass sie heimlich auf 21 °C raufdrehen, sobald niemand hinschaut. In der Ordination flüstert eine ältere Dame, ihr Rheuma „fangt bei 19 an“.
Also: Sind wir einfach empfindlicher worden – oder passt die Regel nimmer zur Realität?
Warum die 19-°C-Regel nimmer zu unserem Leben passt
Die 19-°C-Regel ist in einer anderen Zeit entstanden, mit einer anderen Art zu wohnen. Damals haben sich die Leute mehr bewegt, Bildschirme waren selten, und kaum wer hat zehn Stunden am Tag vorm Laptop in einem nur halb warmen Raum gesessen. Heute sind Wohnungen gleichzeitig Büro, Klassenzimmer, Fitnessraum – und manchmal auch noch Erholungszone.
Die „one size fits all“-Temperatur wirkt auf einmal sehr nach 1990er.
Mehrere Wärme-Expert:innen sagen inzwischen leise das, was viele im Körper laut spüren: 19 °C als pauschale Regel ist zu starr. Sie reden von „Komfortbereich“, „Aktivitätsniveau“, „sensiblen Personen“. Hinter diesen Fachbegriffen steckt eine einfache Frage:
Welche Temperatur lässt dich leben – und nicht nur überleben?
Ein französischer Energieingenieur hat kürzlich eine Studie in einem Co-Working-Space durchgeführt, der zum Testlabor umfunktioniert wurde. Über drei Wochen wurden Temperaturen zwischen 18 °C, 19 °C, 20 °C und 21 °C abgewechselt. Freiwillige führten ein einfaches Tagebuch: „kalt“, „okay“, „perfekt“, „zu warm“, plus Notizen zu Konzentration und Stimmung.
Die Ergebnisse waren gnadenlos fürs alte Dogma.
Bei 18–19 °C berichtete mehr als die Hälfte von kalten Händen und Spannung in den Schultern. Die Leute bewegten sich weniger vom Sessel weg, die Produktivität sank leicht, und einige klagten am Tagesende über Müdigkeit. Bei 20–21 °C verschwanden Beschwerden über Kälte fast, und Aussagen wie „angenehm, normal, ich vergess die Temperatur“ häuften sich. Auffällig: Fast niemand bezeichnete 21 °C als „zu warm“.
Der Komfort hat sich leise nach oben verschoben – ganz ohne Regierungs-Memo.
Hinter dieser Verschiebung steckt nicht bloß „Bequemlichkeit“. Unser Alltag hat die Gleichung verändert. Wir sitzen länger, bewegen uns an Arbeitstagen weniger und verbringen Abende eher beim Streamen als beim Herumgehen in der Wohnung. Der Körper produziert weniger Eigenwärme – also braucht’s ein bisserl wärmere Umgebung, um sich gleich anzufühlen.
Expert:innen nennen auch einen blinden Fleck: Die 19-°C-Regel war nie für vulnerable Menschen gedacht. Babys, ältere Personen, Menschen mit chronischen Erkrankungen oder niedrigem BMI brauchen oft 1 bis 2 Grad mehr, um Frösteln und Muskelspannung zu vermeiden.
Die einfache Regel hat vergessen, dass Körper keine standardisierten Geräte sind.
Ein Mediziner für Thermoregulation fasst es so zusammen: 19 °C können für einen gesunden, aktiven Erwachsenen in einer gut gedämmten Wohnung noch passen. Aber das ist nimmer das durchschnittliche Bild.
Die neuen empfohlenen Temperaturen: flexibel, Raum für Raum
Was empfehlen Expert:innen heute? Keine magische Zahl, sondern einen kleinen Bereich. Mehrere europäische Gesundheits- und Energieinstitutionen nähern sich inzwischen an: rund 20–21 °C in Wohnbereichen, 17–18 °C in Schlafzimmern, im Bad kurzfristig etwas mehr.
Das „neue 19 °C“ ist eher eine Palette.
Die realistischste Methode: Nimm 20 °C als Ziel fürs Wohnzimmer und justier dann in 0,5-Grad-Schritten über zwei bis drei Tage. Wenn dir am Abend kalt ist, geh auf 20,5 °C oder 21 °C – nicht gleich auf 23 °C. Lass dem Körper Zeit, beobachte deinen Schlaf, wie sich dein Rücken in der Früh anfühlt.
Es geht weniger ums Befolgen einer Regel und mehr darum, dein Zuhause wie ein Instrument zu stimmen.
Wir kennen alle den Moment: Du kommst durchgefroren heim, drehst in einem Ruck auf 25 °C – und sitzt dann eine Stunde in einer stickigen, trockenen Luft und wunderst dich, warum der Schädel weh tut. Der Fehler ist verständlich: Man ist kalt und will’s schnell warm haben. Aber dieses „Heiz-Yo-Yo“ ist eine der Sachen, die die Rechnung explodieren lassen und den Komfort ruinieren.
Wärmefachleute pochen auf zwei Punkte. Erstens: Eine stabile Temperatur ist für Körper und Geldbörsel freundlicher als wilde Schwankungen. Zweitens: Kältegefühl kommt oft von konkreten Stellen – kalter Boden, Zugluft bei Fenstern, eine Wand, die kalt abstrahlt. Das Thermostat auf 22 °C zu stellen, löst keinen eiskalten Fliesenboden.
Ein dicker Teppich und Zugluftstopper bringen manchmal mehr als ein ganzes Extra-Grad am Regler.
Viele haben auch ein schlechtes Gewissen, wenn’s über 19 °C geht – als würden sie damit den Planeten verraten. Ein Energieberater hat mir erzählt, bei Hausbesuchen würden Leute fast flüstern, wenn sie ihre echte Temperatur zugeben.
Seien wir ehrlich: Kaum wer lebt mitten im Jänner wirklich jeden einzelnen Tag bei 19 °C.
„Komfort und Sparsamkeit sind keine Feinde“, erklärt Bauphysikerin Claire Laurent. „Das Ziel ist nicht, Menschen im Namen der Ökologie frieren zu lassen. Es geht darum, unnötige Grade zu vermeiden und gleichzeitig den Körper entspannt und gesund zu halten. Für die meisten Haushalte ist rund 20–21 °C im Wohnzimmer – mit guter Dämmung und g’scheiten Gewohnheiten – ein verantwortungsvoller Kompromiss.“
- 20–21 °C im Wohnzimmer: Alltagstauglicher Komfort, besonders wenn du viel sitzt oder im Homeoffice arbeitest.
- 17–18 °C im Schlafzimmer: Bessere Schlafqualität, vorausgesetzt du hast eine gute Decke und warme Pyjamas.
- 21–22 °C im Bad während der Nutzung: Zeitlich begrenzt, aber wichtig gegen den „Polardusch“-Effekt.
- 1–2 Grad mehr für Babys, ältere oder kranke Personen: Anpassbare Regel statt Dogma.
- 1 °C weniger bei Abwesenheit oder nachts in ungenutzten Räumen: Kleine, regelmäßige Einsparung ohne zu leiden.
Wärme neu denken: Komfort, nicht nur eine Zahl
Wenn du Leute nach ihrer „Idealtemperatur“ fragst, antworten sie selten mit einer exakten Zahl. Sie sagen: „Wenn i nimmer dran denk“, „wenn meine Füße ned eiskalt sind“, „wenn i am Sofa lesen kann, ohne mich wie ein Burrito einzuwickeln“. Das ist der echte Indikator. Das Thermostat ist nur ein Werkzeug – der Körper hat das letzte Wort.
Die 19-°C-Regel hatte den Vorteil, uns für Energieverschwendung zu sensibilisieren. Aber jetzt kommt eine feinere Phase: Lernen, mit einem Bereich zu arbeiten – zwischen Komfort, Gesundheit und Budget. Zwischen 19 °C und 22 °C liegt eine Zone, in der jede Familie ihr Gleichgewicht finden kann.
Die richtige Frage ist nimmer: „Halt i mich an die Regel?“, sondern: „Lässt mich diese Temperatur gut leben – zu vertretbaren Kosten?“
| Kernpunkt | Detail | Nutzen für Leser:innen |
|---|---|---|
| Flexibler Komfortbereich | Rund 20–21 °C in Wohnbereichen, 17–18 °C in Schlafzimmern | Hilft, die Heizung ohne schlechtes Gewissen anzupassen und die Kosten im Griff zu behalten |
| Raum-für-Raum-Strategie | Unterschiedliche Temperaturen für Wohnzimmer, Schlafzimmer, Bad | Verbessert den Alltagskomfort und verhindert Überheizen in wenig genutzten Räumen |
| Fokus auf Empfinden | Kälteinseln, Zugluft und Lebensstil beobachten statt nur eine Zahl | Fördert gezielte, smarte Maßnahmen statt teurer Temperatur-Sprünge |
FAQ:
- Wird 19 °C von Behörden noch empfohlen?
Ja, viele Staaten führen 19 °C weiterhin als Richtwert für Energiesparen, besonders in öffentlichen Gebäuden. Expert:innen sehen es inzwischen eher als Mindestziel denn als universelle Wohlfühltemperatur.- Was ist die gesündeste Temperatur in der Wohnung?
Die meisten Gesundheitsstellen empfehlen 20–21 °C in Wohnbereichen und etwas weniger im Schlafzimmer. Wichtig ist, Extreme zu vermeiden: längere Phasen unter 17 °C oder über 24 °C führen oft zu Gesundheits- und Schlafproblemen.- Macht +1 °C wirklich einen Unterschied bei der Rechnung?
Ja, grob werden oft rund 7 % mehr Energie pro zusätzlichem Grad genannt. Aber bessere Dämmung, Teppiche und das Schließen von Türen zwischen Räumen können das ausgleichen – und du bleibst trotzdem im Bereich 20–21 °C.- Und was ist mit Babys und älteren Menschen?
Sie reagieren empfindlicher auf Kälte. Kinder- und Altersmediziner:innen empfehlen meist 20–22 °C für den Hauptraum, in dem sie sich aufhalten – mit passender Kleidung und ohne direkten heißen Luftstrom.- Ist es ökologischer, die Heizung durchlaufen zu lassen oder beim Rausgehen abzudrehen?
Bei Abwesenheit von ein paar Stunden ist um 1–2 °C absenken oft besser als ganz abdrehen. Bei einem ganzen Tag oder länger ist stärkeres Absenken sinnvoll – solange die Wohnung nicht in feucht-kühle Bedingungen kippt.
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